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Freitag, 13. September 2013, 03:21

Das Bekenntnis

Nun, ich hatte Martin nicht besonders gut gekannt, auch wenn er in meine Gemeinde kam. Ab einer gewissen Anzahl Mitglieder kann man sie ja nicht alle kennen. Und hier gehen die Probleme los. Ich fand es wichtiger, dass die Zahl größer wird, als dass ich die Seelen kenne. Dass man sich von Herzen kennt, fand ich zwar erstrebenswert, aber viel zu aufwändig für den Gemeindebau. »Wachstum« war für mich ein Zunehmen an Zahlen, Einfluss und Bedeutung meines Dienstes in der Stadt. Ich hielt das für missionarisch. Wie auch immer, ich bekam einige Schwierigkeiten mit Leuten wie Martin, die – nachdem sie lange Zeit wunderbar unauffällig und treu in die Gemeinde gekommen waren – auf einmal anfingen zu behaupten, sie hätten Jesus erlebt, und der habe ganz andere Sachen mit ihnen vor als die Gemeinde. Sie stellten die Gemeinde in Frage! Da mich das, was sie angeblich mit Jesus erlebten, aber kaum interessierte, sondern mir ihr offensichtlicher Mangel an Unterordnung und Gehorsam gegenüber der Gemeinde und mir ins Auge stach, kam es zu einer Art Machtkampf – und den gewinnt immer die Gemeinde bzw. ihre Leiterschaft, weil sie am längeren Hebel sitzt. Schließlich muss die Gemeinde ja vor Spaltung bewahrt werden! Martin konnte darum nicht bleiben. Er musste gehen ... weil er Jesus folgen wollte.

Siehst du den ungeheuerlichen Widerspruch? Auf der einen Seite habe ich die Menschen aufgefordert, sich zu Jesus zu bekehren und ihm zu folgen, auf der anderen Seite mussten sie die Gemeinde verlassen, wenn sie es taten, da sie dann nicht mehr in die Tradition und den Rahmen der Gemeinde passten. Niemand, der Jesus folgt, passt in eine Tradition und in einen Rahmen. Jesus ist nämlich das Ende des Gesetzes und der Anfang der Freiheit. Ich aber war das Ende der Freiheit und der Anfang des Gesetzes. Ich war der Pastor, an dem sich alle und alles zu orientieren hatten. Nur so konnte die Integrität der Gemeinde gewahrt bleiben, meinte ich. Widersprach die geistliche Erfahrung eines Gemeindegliedes meiner Erfahrung, dann betrachtete ich sie als verkehrt. Zeigte Jesus jemandem etwas anderes als mir, habe ich es »korrigiert«. Du siehst, ich wurde die Zensur und Kontrollinstanz, der Statthalter Christi in der Gemeinde, der über die Wahrheit wachte, als hätte ich sie gepachtet. So wurde ich für die Gemeinde ihr Weg, ihre Wahrheit und ihr Leben. Ohne mich konnte sie gar nicht existieren. Sie konnte nur meinen Weg gehen und durfte nur meine Wahrheit glauben. Die Gemeinde war in mir und ich in ihr.

Aber nun höre mir genau zu, um meine große Sünde zu verstehen ... Seht ihr, ohne mir so recht darüber bewusst zu werden, was ich da eigentlich tat – was nebenbei gesagt die Hauptwirkung der Tradition ist –, habe ich Jesus instrumentalisiert. Ich habe ihn benutzt für meine Zwecke. Die Zwecke kamen mir gut vor, dennoch habe ich alle und alles nur benutzt, um meine »guten« Vorstellungen von der Gemeinde zu verwirklichen. Ob es die Bibel oder die Gemeindeordnung, ob es Menschen oder Gott waren, ich habe sie alle benutzt für meine Ziele und Pläne. Ich stand an der Spitze der Hierarchie und meinte, das Recht dazu zu haben. Schließlich war ich ordiniert. An mir vorbei konnte selbst Jesus nichts tun in meiner Gemeinde, denn es war gar nicht seine, sondern meine Gemeinde, die nicht er, sondern ich bestimmte. Ich bildete mir ein, dies in seinem Namen zu tun, und habe seinen Namen für meine eigenen Vorstellungen und die Durchsetzung meiner Interessen missbraucht. Weder das erste noch das letzte Wort hatte Jesus, sondern ich. Ich war das A und das O der Gemeinde .…

"Die Geisterstadt" von Frank Krause

Mirjam

Talker

  • »Mirjam« ist weiblich

Beiträge: 61

Registrierungsdatum: 3. Juni 2013

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2

Samstag, 14. September 2013, 18:59

Was für eine schöne Erkenntnis :)

Gibt es diesen Pastor wirklich, oder ist das nur ein Traum von "Martin", dass sein Pastor diese Erkenntnis doch endlich bekommt ;)?
Fürwahr, ich bin unvernünftiger als irgend einer, und Menschenverstand habe ich nicht. Und Weisheit habe ich nicht gelernt, daß ich Erkenntnis des Heiligen besäße. (Sprüche 30, 2+3) :yes:

3

Sonntag, 15. September 2013, 02:15

Sprach mir total aus dem Herzen.
Ja, den Pastor gab es wirklich.

4

Montag, 16. September 2013, 16:30

Fortsetzung

»Sich wirklich auf mich auszurichten und mich das Zentrum des Lebens sein zu lassen, meine Stimme im Herzen zu hören und ganz alleine ihr in die Freiheit zu folgen, das ist auch in der modernen Kirche sehr schwer. Mich nicht nur „Herr“ zu nennen, sondern auch den Herrn sein zu lassen, ist nach wie vor für viele Kirchen, Gemeinden und christliche Organisationen undenkbar. Sie sind so stark unter dem Einfluss des Turmes [Anm.: zu Babel], dass sie es einfach nicht denken können. In den Menschen Söhne und Töchter Gottes zu sehen, ist ihnen nur theoretisch möglich. Tatsächlich sehen sie in den Menschen „Mitglieder“, „Vorgesetzte“, „Spendengeber“, „Besucher“, „Zuhörer“ usw. – Funktionen und nicht Menschen, die Kinder sind und die von mir in den Schoß des Vaters gebracht werden.

[Es] braucht wirkliches Vertrauen zu mir, um mich in sich arbeiten zu lassen. Das Leerwerden von den Lügen und das Erfülltwerden mit Wahrheit fühlt sich für einen Menschen wie die Auflösung seiner selbst und Verwandlung in ein neues Wesen an. Ebenso braucht die Gemeinde als größere Struktur Vertrauen zu mir, mich in sich wirken zu lassen. Und ja, auch sie wird durch Prozesse der Auflösung und Verwandlung gehen müssen – viel tiefgreifender und weitgehender, als sie glaubt. Danach wird sie nicht mehr dieselbe Gemeinde sein wie zuvor. Sie wird sich selbst nicht wiedererkennen und den Kopf schütteln, wie viel Lüge und Scheinheiligkeit sie zuvor als »ganz normal« akzeptiert hatte – und dabei der festen Meinung war, sie sei frei.

Seid ihr voller Programme der Lüge, könnt ihr unmöglich die Wege der Wahrheit erkennen, geschweige denn gehen. Ein Mensch muss nicht religiös werden, um zu Gott zu kommen, aber wahr. Nicht die Gemeinde ist eine Schutzburg vor dem Bösen, wie sich das manche Romantiker gerne vorstellen, sondern die Wahrheit ist es. Und die Wahrheit braucht ein solches Maß an Vertrauen und Mut, dass es unabdingbar den Heiligen Geist als Beistand und Tröster braucht, um sich auf sie einzulassen. Manche Gemeindemitglieder denken, sie seien auf eine magische Art und Weise vor dem Bösen gefeit, wenn sie nur jeden Sonntag in den Gottesdienst gehen. Andere meinen, sie seien dadurch geschützt, dass sie unter der Autorität des Pastors stehen. Auch diese Ansicht ist magisch und enthebt den Menschen seiner ureigensten Verantwortung, mit dem Beistand des Heiligen Geistes die Wege der Lüge zu verlassen und den Weg der Wahrheit zu gehen. Nur die Wahrheit macht euch frei – nicht das Besuchen von Veranstaltungen oder die Unterwerfung unter Pastoren. Die Kirche hat keine Macht, die Wahrheit aber hat sie. Eine Kirche jedoch, die in der Kraft des Heiligen Geistes das Vertrauen und den Mut hat, wahr zu sein, diese ist tatsächlich kraftvoll und ein leuchtender Stern in der Finsternis.«

Ket

Super Talker

Beiträge: 5 649

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5

Montag, 16. September 2013, 18:45

erst einmal *DANKE* fürs posten und dann hätte ich da noch eine frage. warum stellst du gerade bei uns so eine "fromme" geschichte ein. wir haben doch überhaupt nicht so ein christliches aussehen. kein schild , kein slogan der erkennen lässt das hier christen sind. oder ist es gerade deswegen? fröhliche grüße ket :blumli:

6

Mittwoch, 18. September 2013, 01:06

Weiß gar nicht ....

.... vielleicht weil ich so begeistert davon bin .... weil ich es beispielhaft finde ....
.... und weil ich mir so viel MEHR davon wünschte .... *hiersollteeinhüpfsmileyhin* :o)

Und du findest das fromm?

Eigentlich wollt ich ja noch eine Fortsetzung tippseln.
Darf ich?

Ich tob mich übrigens auch noch woanders aus .... ;o)

Ket

Super Talker

Beiträge: 5 649

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7

Mittwoch, 18. September 2013, 09:04

Zitat

Eigentlich wollt ich ja noch eine Fortsetzung tippseln. Darf ich?
tippsel ruhig :,,,1 ich habe das "fromm" extra in gänsefüsschen gesetzt. :lacher: du darfst dich hier auch gerne austoben kal,.//6m

8

Mittwoch, 18. September 2013, 16:42

au jaaaaaa .... danke .... wie lieb von dir :o)))) .... *maldeinengutelaunesmileyausborg*

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